Judith Raum - disestablish

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11. April - 4. Mai 2013

Judith Raum - disestablish


alles fliegt sich hoch
empor
wo wir stehend nur
verstehend
uns
ein spiegelbild werden
wollen

aus dem sehnsuchtsvollen
ins jetzt
getragenes
gewaltiges wirds
euch entgegen
uns auf den weg

fliegen wir noch
höher
so wie's nur sein soll
weil wir es sind
die worte banner tragen


Stoff, der sich über etwas legt, Fahne ist, die definiert und bedeckt. Sieht man ihn nicht als Schutzzone
oder Heimat an, sondern als eine Zone des Zwangs, dann müßte diesem eingeschränkten Handlungsraum
Widerstand entgegenstehen. Ein eigenes Banner, das in Abgrenzung Eigendefinition trägt, um gegen
Machtstrukturen anzukämpfen, die ebenjenes Stück Textil als Trennungsmoment nutzen.

Inwieweit trägt aber dieses Bekämpfen der Waffen mithilfe derselbigen eine Notwendigkeit inne ?

Die Stadt Lucca in der Toskana war im Mittelalter neben Florenz und Venedig das wichtigste italienische
Zentrum in der Herstellung von Stoffen. Zumeist waren Unternehmer dieser Branche gleichzeitig eng mit
dem gerade erst entstehenden Bankwesen verbandelt. Zur selben Zeit wurde in Florenz ein Aufstand der
Wollarbeiter/innen angezettelt. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte wurden hier politische Forderungen
in schriftlicher Form festgehalten.

Den handwerklichen und politischen Handlungsraum der damals beteiligten Akteure reflektiert Judith Raum
in der Ausstellung "disestablish" in Malerei, Objekten und Textarbeiten anhand der überlieferten Quellen.

Die aus fünf Stoffbahnen bestehende Arbeit "disestablish" ist mit Motiven bedruckt, die stärkere Tiere
dabei zeigen, wie sie schwächere attackieren und verwunden. Aus der Ornamentik von Luccheser Seide des
14. Jahrhunderts hat Judith Raum diese Szenen isoliert. Übrig bleibt eine Welt, in der ein andauerndes
Moment von Gewalt herrscht, auf Meterware immer weiter reproduziert.

Die Hände, die die damaligen Stoffe webten, waren die einer unterpriviligierten Arbeiterschicht. Hände,
die für diese Arbeiter zu jener Zeit als einziger Besitz gelten mußten. Diese wurden bei Verstößen
abgehackt - womit auch jede Möglichkeit, den Lebensunterhalt zu decken, abgeschnitten war. Herrschaft
bemächtigte sich hier um ein weiteres dem, was anderen pure Existenz bedeuten mußte.

Die Skulptur "arm" (2012) bildet den Moment, ab dem Arbeiter/innen mit Hilfe eines improvisierten Stab
ihr eigenes Banner aufrichten. Die Selbstfindung durch eine Eigendefinition und somit Widerstand gegen
die kontrollierende Macht. Jener Schicht war bis dato unter Strafe verboten, ein eigenes Banner zu führen.
Im Augenblick dieser selbstgewählten Handlung bedeutete dies ein Sich-Sichtbarmachen, sich als eine
Gruppe definieren, die eigene Interessen vertritt und diese anerkannt wissen will. "Dass die Banner bereits
aufgerichtet sind" bildete für die höhergestellten Gilden und Machthaber einen Angstmoment, für die
Arbeiter/innen aber den Anfang zu einem kurzen - sechs wöchigen - Umsturz und zur Bildung der ersten
demokratischen Regierung der Stadt, die alle sozialen Schichten mit einbezog.

Für Judith Raum ist die Frage nach dem eigenen Handlungsraum immanent, auch in ihrer eigenen Arbeitsweise.
Welche Möglichkeiten, mit Dingen umzugehen, können selbst geschaffen werden, unter welchen Bedingungen
agiert man und reagiert man. Improvisation als Form des Ausdrucks kann einer Situation entspringen, in der
man auf Gegenstände zurückgreift, die unmittelbar vorhanden sind, die den Lebensbedingungen
entsprechend in einem bestimmten Moment zur Verfügung stehen und spontan zur Hand genommen werden
können. Eben jene Skulptur "arm" ist eine aus drei Flachstahlteilen bestehende, die mit Seidenfäden
umwickelt zusammengehalten wird. In Bezugnahme auf das englische Wort "arm" erhält die Skulptur eine
doppelte Bedeutung: als Waffe die Widerstand leistet und als Körperteil, der sie hält.

In der Arbeit "843 -" (2012 / 13) findet ein historisches Bild von Tuchhändlern Verwendung. Wiederum ist
es der Arm, der der Elle beim Vermessen des Stoffes zugrunde liegt. Der Titel bezieht sich auf das durch-
schnittliche Defizit, wie es für die Steuerabrechnung eines einfachen Bürgers der italienischen Textil-
zentren im 14. Jahrhundert normal war. Dieser Skulptur sind Fotokopien gegenübergestellt, die Forderungen
der Arbeiter/innen aus jener Zeit des Umsturzes auflisten. Sie gelten als erste jemals niedergeschriebene
politische und finanzielle Forderungen von Arbeitern/innen in der Weltgeschichte überhaupt.


Gedicht und Text: Michael Barthel









"disestablish" (2012 / 2013)
Installationsansicht




"disestablish" (2012)
Siebdruck auf Tencilgewebe, Aluminium (Detail)




"banner" (2012)
Tusche und Acryl auf Baumwolle








"arm" (2012 / 2013)
Stahl, Seidengarn










"843 -" (2012 / 2013)
Stahl, Messing, Laserdruck auf Papier








"disestablish" (2012)
Siebdruck auf Tencilgewebe, Aluminium


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